Tsingtau und Japan 1914 bis 1920
Historisch-biographisches Projekt
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Aus dem Leben des Viktor Walzer (1872–1956) – Ein Eifler Schicksal im Fernen Osten
von Heribert Ambros (Reutlingen)
Vorbemerkungen des Redakteurs (Hans-Joachim Schmidt)
Das Lebensbild des Viktor Walzer zeigt den Werdegang eines deutschen Kaufmanns vor und nach 1900, der in Tsingtau in den Strudel des Weltkriegs geriet. Eine besondere Pointe enthält der dritte Abschnitt; die dort skizzierte Episode ist die zweifellos wichtigste und auch anrührendste, die der Redakteur in diesem Projekt erlebt hat.
Der inzwischen verstorbene Autor Heribert Ambros aus Reutlingen war ein Verwandter der Familie Walzer und hat, als er von besagter Episode erfuhr, sogleich eigene Recherchen durchgeführt. Deren Ergebnis konnte er 2009 im Heimatkalender des Eifelkreises Bitburg-Prüm (S. 212–222) publizieren. Zu Lebzeiten erteilte Ambros mir die Genehmigung, seinen Aufsatz in das vorliegende Projekt einzustellen, und auch der Eifelkreis Bitburg-Prüm (als Verleger des Heimatkalenders) hat 2022 dafür »grünes Licht« gegeben. Allen Beteiligten sei dafür herzlich gedankt.
Der Redakteur hat den Originaltext unverändert übernommen, jedoch in drei Abschnitte gegliedert sowie Zusätze in [ ] und drei Anmerkungen hinzugesetzt.
Die Abbildungen hat der Redakteur geringfügig bearbeitet; sie stammen aus dem Nachlass von Viktor Walzer (Nr. 1, 2, 3, 5, 6,7, 8) bzw. von Frau SHINODA Kazue (Abb. 5, 9); Abbildung 8a hat der Redakteur nachträglich aus dem Nachlass eingefügt.
Inhaltsübersicht des Redakteurs
1. Kindheit, Jugend, erste Berufsjahre
Als der 84-jährige Viktor Walzer am 18. Juni 1956 in Waxweiler [nordnordöstlich von Bitburg/Eifel gelegen] seine Augen für immer schloss, konnte niemand ahnen, dass er ein Geheimnis mit ins Grab nehmen würde, auf das erst 50 Jahre nach seinem Tod etwas Licht fallen sollte. Dazu bedurfte es allerdings erst des Zusammenwirkens einiger bemerkenswerter Zufälle hier und im fernen Japan. Mehr davon später [unter 3.]. Zunächst wollen wir uns dem jungen Viktor und den damaligen Zeitläuften zuwenden.
Ein Jahr nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges, am 2. Februar 1872, wurde Viktor im behäbigen Mettendorf [westsüdwestlich von Bitburg] als jüngstes in eine muntere Schar von Kindern hinein geboren. Seine Mutter, die aus Mettendorf stammende Anna Katharina Lochen (*1833) und sein Vater Mathias Walzer (*1818) führten gemeinsam einen recht umfangreichen Familienbetrieb, bestehend aus einem Ladengeschäft für Lebensmittel, Textilien, Tabakwaren u.s.w. bis hin zu Eisenwaren, einem Hotel, einer Gerberei und schließlich noch einer nicht unerheblichen Landwirtschaft. Es versteht sich, dass in einem solchen Unternehmen alle Familienmitglieder fleißig anpacken mussten. Aber Vater Mathias legte auch großen Wert darauf, dass seine Kinder eine ordentliche Ausbildung erhielten. Seinen Ältesten, Heinrich, der einmal die Geschäfte übernehmen sollte, schickt er daher nach Metz in die Kaufmannslehre, in den Betrieb, in dem er selbst seine kaufmännische Laufbahn begonnen hatte. Er selbst war als Franzose in Thionville [Diedenhofen], Lothringen, geboren und hatte zeitlebens, zumindest in der Schrift, Probleme mit der deutschen Sprache. So gibt er in einem Brief an Viktor zu verstehen, dass er künftig den Briefwechsel auf französisch weiterführen werde, da ihm die deutschen Buchstaben nicht gut aus der Feder heraus gehen.
Zu seinem Jüngsten pflegte Mathias ein besonderes inniges Verhältnis, vielleicht weil er ihn schon sehr früh aus der Geborgenheit des Elternhauses entlassen musste und weil Viktor schon bald vom Heimatland für lange Zeit Abschied nehmen musste. Zunächst hatte Viktor eine unbeschwerte Kindheit in der dörflichen Umgebung seines Heimatortes, zusammen mit seinen vier älteren Geschwistern. Auch die Grundschule, an der sein Großvater Henricus Lochen einst als erster ordentlich bestallter Lehrer am Ort gewirkt hatte, konnte er im heimischen Dorf abschließen. Die erste Trennung von zu Hause mag vielleicht die schmerzlichste gewesen sein: Um das Gymnasium zu besuchen, musste er aus dem vertrauten Dorf in die Stadt Trier ziehen, wo er bei einer Verwandten Quartier fand. Ein Besuch zu Hause war nur noch in den Ferien möglich. Im Dezember 1890 wurde er aus einem traurigen Anlass nach Hause gerufen, zum Abschiednehmen von seiner totkranken Mutter, die noch vor Weihnachten verstarb.
Er schloss seine Gymnasialzeit mit dem Einjährigen ab, so genannt, weil Inhaber dieses Zeugnisses statt der sonst zwei bzw. drei Jahre Militärdienst nur ein solches Jahr ableisten mussten. Allerdings hatte Viktor als einjährig Freiwilliger während dieses Jahres für Kleidung und Verpflegung selbst zu sorgen, was auf den relativen Wohlstand des Hauses Walzer schließen lässt. Im Jahre 1892 trat er in Dresden seinen Militärdienst in schmucker Uniform an.
Abb. 1: Viktor als Soldat in Dresden
Die Fahrt nach dort war wohl seine erste größere Reise mit der Eisenbahn. Die Eindrücke der Großstadt, vielleicht noch mehr der strenge Dienst mögen Schuld daran gewesen sein, dass sein Vater von April bis Juni ungeduldig auf ein Lebenszeichen warten musste.
Zwischen 1893 und 1895 finden wir Viktor in Merken bei Düren, wo er mit einem zweijährigen Volontariat in einer Zigarrenfabrik seine Ausbildung zum Kaufmann antrat. Sein Abschlusszeugnis bestätigt ihm genaue Kenntnis der doppelten Buchführung, geläufige Korrespondenz und Vertrautheit mit Comptoirarbeiten jeder Art. In dieser Zeit muss bei ihm der Entschluss gereift sein, als Kaufmann im Ausland sein Brot zu verdienen. Der nächste uns erhaltene Brief seines Vaters geht im Juni 1897 bereits nach dem Fernen Osten, nach Tientsin. Den größten Teil der dazwischen liegenden Zeit von mehr als einem Jahr verbrachte Viktor in London. Hier hat er sich in einem Büro die englischen Sprachkenntnisse angeeignet, die ihm neben weiteren Berufserfahrungen für eine Tätigkeit als Auslandskaufmann angemessen erschienen waren.
Über seine am 1. April 1897 angetretene Seereise sind wir durch ein kleines Reisetagebuch, in das er fast täglich Eintragungen machte, gut informiert. Schon nach wenigen Stunden an Bord traf ihn das Schicksal ungezählter seeungewohnter Landratten: Bei stürmischem Wind erwischte ihn die Seekrankheit und zwang ihn für fünf Tage ins Bett. Nach leichter Wetterbesserung erholte er sich schnell und konnte den Rest der Reise ungestört genießen: Erster Landgang in Algier, dann Durchfahrt des Suezkanals, des Roten Meers, des Golfs von Aden. Schon befand sich Viktor im Indischen Ozean, in der für ihn völlig neuen Welt Asiens. Sehr beeindruckt hat ihn der Anblick des Kreuz des Südens. Am 10. Mai legte sein Schiff für einige Tage in Singapur an, wenige Tage später in Hongkong. Hier wurde er von einem Angehörigen seiner Londoner Firma an Bord abgeholt. Einige Herren der Firma machten ihn ausgiebig mit den Sehenswürdigkeiten der asiatischen Großstadt bekannt. Höhepunkte waren neben den vielen Einladungen zu Dinners eine Rundfahrt mit der steam coach und eine Bootsfahrt, die ihm Hongkong von der Seeseite vor Augen führte. Shanghai, das er eine Woche später erreichte, begeisterte ihn weit weniger, obwohl er auch hier einige Einladungen hatte. Endlich am 4. Juni war Viktors Seereise beendet, nachdem sein Schiff in der Mündung des Pei-ho vor Anker gegangen war. Zusammen mit der Gemahlin des dänischen Konsuls mietete er eine Tompah nach dem 10 Meilen entfernten Tongku, das sie nach 5 Stunden Fahrzeit erreichten. Von hier aus bestand Eisenbahnverbindung nach Tientsin, wo Viktor von Herren seiner künftigen Firma freundlich empfangen wurde.
Den ersten Monat wohnte er im Deutschen Club, bis er sich in einem eigenen Appartement gemütlich eingerichtet hatte. Bei Carlowitz & Co arbeitete er fünf Jahre lang als Buchhalter. Die Firma handelte schon seit Jahrzehnten mit Waren aller Art in China, darunter auch solchen, die uns heute problematisch erscheinen, wie Opium und Feuerwaffen. Sie hatte dazu ein Netz von Filialen im Land aufgebaut. In die Zeit Viktors bei Carlowitz & Co fallen die Unruhen, die als Boxeraufstand in die Geschichte eingegangen sind. Verschiedene Anlässe hatten in den 90er Jahren weite Teile der Bevölkerung Chinas gegen die »Ausländer« und insbesondere die Christlichen Missionen aufgebracht. Dabei kam es zu Übergriffen auf Europäer, von denen auch Missionare betroffen wurden. Die Kolonialmächte fühlten sich zu Gegenaktionen herausgefordert, die schließlich in einen regelrechten Krieg mündeten. Viktor kam im Juni 1900 in Berührung mit dem Kriegsgeschehen, als die Stadt Tientsin von den Aufständischen und von regulären chinesischen Truppen beschossen und belagert wurde. Er erwähnt kurz diese Ereignisse in einer Postkarte an seinen Bruder Felix am 27.8.1900 aus Shanghai: Seit drei Wochen nun hier in Shanghai nach einem ebenso langen Aufenthalt in Japan, was mir nach den Strapazen der Belagerung sehr wohl getan hat.
1902 wechselte Viktor zu Eduard Meyer & Co, Import/Export (Abb. 2). Hier lernte er seinen Landsmann Fritz Macke kennen, der schon länger bei der Firma beschäftigt war und später (1926) deren Teilhaber werden sollte. Eine langwährende Freundschaft entstand zwischen den beiden, die sich in den Jahren von Viktors Kriegsgefangenschaft in Japan und auch danach1 noch bewährt hat. Seinen Aufenthalt in China unterbrach er 1907 zu einem Heimaturlaub (Abb. 3) und wählte dazu den Landweg auf der Transsibirischen Eisenbahn.
![]() Abb. 2: Viktor mit Kollegen bei Meyer & Co. | ![]() Abb. 3: Viktor um 1907 |
Bei Meyer & Co schied er 1908 aus, blieb aber noch bis mindestens 1911 in Tientsin ansässig. Etwa in diesem Jahre siedelte er nach Tsingtau über. Hier begann er eine neue Karierre als Börsenmakler und ist als solcher am 8.1.1913 im Tsingtauer Handelsregister2 eingetragen. Dem dortigen Adressbuch3 von 1913/14 können wir entnehmen, dass sein Geschäftslokal Ecke Friedrich- und Bremerstraße lag. Das Haus, in dem er sein Büro hatte (Abb. 5), steht heute noch und stellt vor dem Hintergrund eines modernen Wolkenkratzers ein einsames Relikt aus längst vergangenen Zeiten dar. Schon bald übernahm Viktor auch das Amt des Sekretärs der Deutschen Handelskammer in Tsingtau.
Abb. 4: Viktors früheres Wohnhaus in Tsingtau heute (im Vordergrund)
2. Krieg und Gefangenschaft, Zwischen- und Nachkriegszeit
Mit dem Kriegsbeginn greift im Jahre 1914 die Weltpolitik von Neuem in Viktors Schicksal ein. Schon 1897 hatten die Deutschen in Tsingtau Fuß gefasst, dort einen Seehafen erbaut und schließlich das Pachtgebiet Kiautschou, nicht ohne militärischen Druck, für 99 Jahre gepachtet. Für die Japaner bot der Ausbruch des Weltkriegs eine willkommene Gelegenheit, ihre eigenen Interessen in China auszuweiten. Das kleine Häuflein der deutschen Verteidiger konnte eine Besetzung Tsingtaus durch die Japaner nicht verhindern. Viktor, der trotz seines Alters von 43 Jahren anscheinend wieder in die Uniform schlüpfen musste, geriet am 14. Januar 1915 in japanische Kriegsgefangenschaft.3a Mit ihm wurden nach und nach nahezu 5000 deutsche und österreichische Soldaten nach Japan verschifft und in einer Serie von Lagern untergebracht. Viktor war zunächst im Lager Osaka untergebracht (Abb. 5 und 6).
Abb. 5: Kriegsgefangenenlager Osaka
Abb. 6: Viktor als Kriegsgefangener in seinem Wohnraum
Es ging ihm dort nicht eigentlich schlecht. Im Laufe der Zeit erhielten die Gefangenen eine gewisse Bewegungsfreiheit und die Verpflegung war meist ausreichend. Was fehlte war eine geregelte Beschäftigung. Erwerbsarbeit war lange Zeit nicht erlaubt. Dagegen konnte man, so entsprechende Quellen verfügbar waren, sich von draußen Geld anweisen lassen, um sich private Sonderwünsche zu erfüllen. Manche Lager gestatteten eine besondere Freizügigkeit. Dort gab es die Möglichkeit zu sportlichen und kulturellen Veranstaltungen, so z.B. zu Fußballspielen gegen japanische Mannschaften oder Theater- und Konzertaufführungen. Den Höhepunkt in dieser Hinsicht mag die Aufführung der 9. Symphonie Beethovens durch Kriegsgefangene im Musterlager Bando dargestellt haben, mit Sicherheit die Erstaufführung in Japan, von der heute noch in Japan gesprochen wird. Ähnliche Veranstaltungen gab es in Viktors Lager zunächst anscheinend noch nicht. Er schreibt in einem Brief vom April 1916, dass erst nach einem Brandunglück im Lager, dem eine Anzahl von Baracken zum Opfer fiel, ein Platz für Fußballspiele und andere Sportarten entstanden sei. Für die Weihnachtsfeier 1916 (Abb. 7) stand dann eine große Halle zur Verfügung, die wohl auch bei anderen Anlässen benutzt werden konnte. Mancherlei Beschäftigungen wurden möglich, so das Halten von Kleintieren, gärtnerische Betätigung und dergleichen. In einer reichhaltigen Bibliothek konnten Bücher ausgeliehen werden. An der Beerdigung eines verstorbenen Kameraden nahm das ganze Lager einschließlich der Bewacher teil; und auf dem einsamen Grabhügel lagen Kränze (Abb. 8), die aus einer deutschen Gärtnerei hätten stammen können.
Abb. 7: Weihnachtsfeier der Kriegsgefangenen 1916
Abb. 8: Letzte Ehre für kriegsgefangenen Deutschen in Japan
Das Brandunglück war schließlich die Ursache für die Auflösung des Lagers Osaka und seine Verlegung nach Ninoshima ein Jahr später. Wie es Viktor dort weiter ergangen ist, darüber wissen wir leider so gut wie nichts mehr, da uns weder Briefe Viktors noch Bilder aus Ninoshima überliefert sind. Erst 1919/20 erfolgt die Entlassung der Kriegsgefangenen in die Heimat. Einige haben von der Möglichkeit, in Japan zu bleiben oder nach Tsingtau zurückzukehren, Gebrauch gemacht. Viktor nicht, obwohl er, wie wir noch erfahren werden, gewisse Gründe dazu gehabt hätte. Das zermürbende Heimweh nach fünf Jahren Lagerleben war wohl zu stark.
In der Heimat ging es ihm jedoch zunächst nicht gut. Sein Vater war 1902 verstorben und die Not überall im Lande groß. Die Wirtschaft lag als Folge des verlorenen Krieges am Boden, und die beginnende Inflation warf ihre Schatten voraus. Die politischen Wirren machten eine vernünftige Berufsplanung unmöglich. Trotzdem gelang es ihm 1921, bei der Firma Weiler-Termer in Ürdingen vorübergehend eine karge Anstellung als Auslandskorrespondent zu erlangen. Mitte der 20er Jahre fand er einen Arbeitsplatz im Ludwigshafener BASF-Werk, der seinen Anforderungen einigermaßen genügte. Mit dem New Yorker Börsenkrach von 1929, dessen Auswirkungen Deutschland sehr schnell erreichten, kam das endgültige Aus für seine Berufslaufbahn. Als erst kürzlich Eingestelltem wurde ihm schon 1930 gekündigt.
Für den fast 60-Jährigen war ein neuer Anfang im Erwerbsleben so gut wie ausgeschlossen. Eine Weile lebte er bei seinem Bruder Felix, der als Kardiologe in Bad Nauheim ein gutgehendes Privatsanatorium unterhielt. Doch bald schon wechselte er nach Limburg, wo er in der Familie seiner Nichte Anna Gierenz Aufnahme fand. Hier gelang ihm das Einleben in ein harmonische Familiengemeinschaft sehr gut. Schon bald besiegelte er diesen Umstand, indem er seine Nichte formal adoptierte. Er fühlte sich wohl in seiner neuen Rolle als Großvater von Gertrud und Gerhard, den beiden Kindern, die ihrem »Opa« große Zuneigung entgegenbrachten.
Adam Gierenz, Annas Mann, war Journalist und hatte eine feste Anstellung als Chefredakteur beim in Limburg erscheinenden Nassauer Boten. Der aufkommende Nationalsozialismus war ihm von seiner Erziehung und Einstellung her ein Gräuel, und daraus machte er in seinen publizistischen Beiträgen nie ein Hehl. Er soll einmal sogar einem Leitartikel die Schlagzeile »Heilt Hitler von dem Wahn Reichskanzler zu werden« vorangestellt haben. Wegen einer kritischen Stellungnahme zur Rede Hermann Görings vor den Wahlen am 7. März 1933 wurde das Erscheinen seiner Zeitung für drei Tage verboten.
Gertrud, die Tochter von Adam Gierenz, schreibt über diese Zeit in ihren Erinnerungen: Bei der Feier zum 1. Mai 1933 war auf seine (Gierenz) Veranlassung hin die Belegschaft des Nassauer Boten die einzige Gruppe in einem Aufmarsch von tausenden Menschen, die beim Singen des Horst-Wessel-Liedes nicht die Hand zum »Deutschen Gruß« erhob. Nach diesem »Affront« setzte ein förmliches Kesseltreiben gegen ihn ein. Steine flogen nachts gegen die Haustür... Nach anonymen Drohungen am Telefon verließ Gierenz in der Nacht zum 30. Juni heimlich die Stadt. Frau, Kinder und Opa Viktor blieben in Ungewissheit in Limburg zurück. Bei Verwandten in Luxemburg fand Gierenz Unterschlupf, bis ein wenig Gras über die Sache gewachsen war. Seine Stelle in Limburg konnte er jedoch nicht weiterführen.
Viktor zog mit der Familie nach Aschaffenburg um, als Gierenz dort nach vielen Mühen eine neue Stelle gefunden hatte, und folgte ihr 1939 auch nach Graz. Dort hatte Gierenz jetzt den Posten des Chefredakteurs der »Grazer Kleinen Zeitung« inne. Vater Adam wurde von seinem Beruf mehr denn je beansprucht, und Mutter Anna hatte mit der großen Wohnung und dem Haushalt auch alle Hände voll zu tun. So gewann Viktors Aufgabe als Großvater der heranwachsenden Kinder neue Bedeutung. Begeistert schreibt Gertrud über ihn: Großvater, das war eine Institution in meinem jungen Leben, ein Fels, auf den ich jederzeit bauen konnte. – Gibt es etwas Schöneres? So waren die ersten Kriegsjahre zunächst für Viktor keine Schreckensjahre. Die begannen erst 1944 mit Einsetzen der alliierten Bombenangriffe auf Graz und mit der Endphase des Weltkriegs II.
Gierenz war 1944 mit den Resten der Belegschaft nach Klagenfurt beordert worden, und Gerhard hatte die Kinderlandverschickung in ein Lager am Dachstein verschlagen. So war Viktor mit Anna und Gertrud allein, als die Flucht vor der russischen Besatzung anstand. Zu Fuß bewältigte die kleine Gruppe, zusammen mit einzelnen versprengten Soldaten, den schwierigen Aufstieg zur Passhöhe der großen Sölk und den Abstieg ins Ennstal. Beim Übergang über die Enns, damals Grenzfluss des russisch besetzten Gebietes, half ihnen der Zufall weiter. Ein Milchwagen nahm sie eine Strecke weit mit. Die Plane, die der Fahrer zum Schutz vor dem strömenden Regen über die Ladung geworfen hatte, verhüllte auch die drei Flüchtlinge während der Fahrt über die Enns und verbarg sie vor den Augen des russischen Grenzpostens. Auf einem Hof in der Nähe von Gröbming fand man für eine Zeit Aufnahme.
Nach dem Abzug der Russen konnte Viktor mit der wieder vereinigten Familie Gierenz nach Graz zurückkehren. In sehr gedrängten Verhältnissen verbrachte man die noch verbleibende Zeit bis zur endgültigen Ausweisung aller Reichsdeutschen aus Österreich im Jahre 1946. Mit wenig Gepäck und viel Mühsal verlief für Viktor die Reise in einen neuen Lebensabschnitt.
Ein weiteres Zusammensein mit der Gierenz-Familie war jetzt nicht mehr möglich, da diese lange Zeit über keinen gemeinsamen Wohnsitz verfügte. Im Hause seiner Nichte Martha Kerns in Waxweiler, Schwester von Anna Gierenz, fand er freundliche Aufnahme. Hier hat er das letzte Jahrzehnt seines Lebens verbracht. Er musste jetzt endgültig verzichten auf seine geliebten Möbel aus China, die sein Zimmer in der Grazer Wohnung noch verschönt hatten, aber dafür genoss er den friedlichen Aufenthalt in einer idyllischen Eifelortschaft. Seine Gastgeberin, unsere Tante Martha, war ein echtes Eifler Original und weit über die Familie hinaus als solches bekannt. Ihr Haus war ein sehr gastliches, wie das mir vorliegende Gästebuch ausweisen kann. Gut für Viktor, denn so blieb er mit der Verwandtschaft und mit der Welt bis zuletzt in gutem Kontakt. Mitte der 50er Jahre schlug sein letztes Stündlein, wie schon eingangs gesagt.
Abb. 8a: Viktors letzter Personalausweis, ausgestellt am 6.12.1951
3. Ein mit ins Grab genommenes Geheimnis
Damit könnten wir abschließen, wäre da nicht noch das eingangs erwähnte Geheimnis, und dazu wollen wir zunächst einmal den Saarländer Hans-Joachim Schmidt,4 der sich in der Geschichte der japanischen Kriegsgefangenenlager bestens auskennt, zu Wort kommen lassen:
Es begann damit, dass meine Frau auf dem Dachboden unseres 1984 im Saarland erworbenen Hauses einige Dokumente des früheren Eigentümers fand, der 1912–1914 in Tsingtau Soldat war und anschließend bis 1920 in japanischer Gefangenschaft. Sie bewog einen gemeinsamen Bekannten und mich dazu, die Fundstücke in Buchform zu präsentieren.5 Die Beschäftigung mit dem Thema machte mir so viel Freude, dass ich beschloss, die Recherchen auf die Geschichte aller 1914 in Tsingtau vorhandenen Kombattanten und Nichtkombattanten auszudehnen.
Schmidt beschaffte sich Insassenlisten der japanischen Lager und begann damit, Kontakte mit einzelnen Angehörigen der mittlerweile alle verstorbenen Kriegsgefangenen aufzunehmen. Er recherchierte zunächst in der näheren Umgebung seines Wohnsitzes und so kam es, dass einer der ersten Sucherfolge Angehörige von Viktor Walzer in Mettendorf waren. So erfuhr er, wie es Viktor nach seiner Heimkehr ergangen war, von seinem Asyl bei den Familien Gierenz und Kerns und schließlich von seinem Tod in Waxweiler.
In Narashino im fernen Japan besuchte um das Jahr 2000 der 72-jährige Yuji Mitsui die »Ausstellung historischer Gegenstände der deutschen Kriegsgefangenen« und lernte dort ein Buch mit dem Titel »Die Geschichte von Narashino« kennen, das sich mit den Schicksalen der Lagerinsassen befasste. Vom Besuch der Ausstellung und vom Buch war Mitsui stark beeindruckt. Besonders beschäftigte ihn, dass das Buch trotz guter Kritiken keine größere Ausbreitung fand, weil es nicht im Buchhandel erhältlich war. Er setzte alle seine Mittel und seine einschlägigen Erfahrungen aus den Berufsjahren ein und erreichte einen erfolgreichen Neudruck des Buches. Um die Zeit der Herausgabe des Buches erinnerte sich Mitsui, dass ihm seine Mutter Ume, die schon in seiner frühen Kindheit verstorben war, erzählt hatte, ihr erster Mann sei ein Deutscher gewesen. Er setzte sich jetzt mit seiner Stiefschwester Teruko in Verbindung und erfuhr von ihr, dass deren Vater auf einer Insel im Seto-Binnenmeer in Kriegsgefangenschaft war. Sein Name müsse Warucheru oder so ähnlich gewesen sein. Mutter Ume war um 1910 von ihrem Geburtsort Nagasaki als Studentin nach Tientsin gekommen und hatte dort einen Kaufmann, den späteren Kriegsgefangenen, kennen gelernt. Die beiden hatten zwei Töchter, Tokiko (*1911) und Teruko (*1913).
Abb. 9: Viktors Tochter Teruko als Mädchen
Später sei man nach Tsingtau umgezogen. Als der Vater 1915 in Kriegsgefangenschaft geriet und in das Lager Osaka gebracht wurde, sei Ume mit den beiden Töchtern zurück nach Nagasaki gegangen. Der Kriegsgefangene sei nach Europa zurückgekehrt. Ume habe 1925 einen Japaner, den Vater Yuji Mitsuis, geheiratet.
Aus weiteren Nachforschungen ergab sich dann, dass die japanische Schreibweise von Walzer zu Warucheru geführt haben könnte, dass also der Kriegsgefangene vielleicht Viktor Walzer hieß. Als Yuji Mitsui dies seiner Stiefschwester Teruko mitteilen wollte, war diese bereits nicht mehr am Leben. Wenig später folgte ihr die Schwester Tokiko, ohne dass sie wegen ihrer inzwischen eingetretenen Senilität zu Mitsuis Fragen noch hätte Stellung nehmen können.
Einige Zeit später erfuhr Mitsui, dass Terukos Tochter Kazue im Nachlass ihrer Mutter ein Päckchen mit in Englisch geschriebenen Briefen gefunden hatte, die aus dem Lager Osaka stammten. Einer der Briefe endete so: Schreibe doch bitte bald und lass mich wissen, wie es Dir und meinen kleinen Lieblingen geht. Ich bin ständig in Gedanken bei Euch und es würde mich wenig kümmern, als Kriegsgefangener hier festgehalten zu werden, wenn ich Dich und meine lieben kleinen Mädchen bei mir hätte. Aber Gott allein weiß, wann ich Euch wiedersehe und das kann noch lange dauern. Mit vielen Küssen für Dich und meine kleinen Lieblinge Dein Viktor Walzer.
Erst jetzt bestand völlige Gewissheit über die Identität des Kriegsgefangenen »Warucheru«. Kazue hatte jetzt Feuer gefangen und setzte ihre Nachforschungen nach dem Mann fort, der sich als ihr leiblicher Großvater herausgestellt hatte. Sie wandte sich an den für die Ausstellung in Narashino verantwortlichen Beamten des Erziehungsamtes von Narashino, Masayuki Hoshi, der seinerseits seit 2001 mit Hans-Joachim Schmidt bekannt war.6 Im Sommer 2003 kam dann die Verbindung mit Kazue Shinoda zustande. Der Kreis hatte sich gegeschlossen.
Von Schmidt erfuhr sie zunächst, dass er die Enkelin Viktor Walzers kenne und dass diese in Frankenthal lebe. Die erste Reaktion Kazues hierauf war, dass sie beschloss, die Aktion schweren Herzens ganz abzubrechen. Wenn Viktor eine Enkelin in Deutschland habe, die von ihres Großvaters Nachkommen in Japan nichts wisse, dann wolle sie deren Seelenfrieden nicht stören. Schmidt erlöste sie alsbald von ihrem Kummer, indem er ihr mitteilte, dass Gertrud Gierenz keine richtige Enkelin Viktors sei, sondern die Tochter einer Nichte. Viktor habe in Deutschland nicht geheiratet. Er habe Gertrud lieb gehabt wie eine eigene Enkelin und dabei vielleicht sogar an eine mögliche Enkelin im fernen Japan gedacht. Es ist wunderbar, dass ich Verwandte in Japan habe, sei Gertruds Antwort gewesen. Damit waren alle Hemmnisse für eine Kontaktaufnahme beseitigt. Man tauschte Briefe aus und schon bald [2004] reiste Kazue mit ihrem Mann nach Deutschland, besuchte Gertrud und fuhr nach Mettendorf, um am Grab ihres Großvaters zu beten.7
Damit wäre das eingangs angesprochene Geheimnis weitgehend gelüftet. Einige Fragen bleiben aber weiter offen: Was bewog Viktor, seine Ume und die Kinder, die er, wie aus den an Ume gerichteten Briefen hervorgeht, sehr geliebt hat, in Japan zurückzulassen, als er die Heimfahrt nach Europa antrat? Wollte er sie vielleicht später nachkommen lassen? War es die Not der Nachkriegszeit, die eine solche Maßnahme dann vereitelt hat? Waren es Befürchtungen, dass Ume von der neuen, fremden Umgebung nicht akzeptiert würde und daran zerbrechen könnte? Wir werden es nie erfahren. Wer Viktor gut gekannt hat – und das waren viele –, ist sich sicher, dass er seine Entscheidung nicht leichten Herzens getroffen hat.
Anmerkungen (nebst Ergänzungen des Redakteurs)
1. [im Original] Einem Neffen von Viktor, der 1915 in russische Gefangenschaft geraten war, hat Macke 1920 die Eisenbahnfahrt aus Sibirien nach Tientsin und die Rückkehr in die Heimat ermöglicht.
2. [im Original] Der Wortlaut des Eintrags laut Amtsblatt Kiautschou 1913, Seite 20: Firma ›Victor Walzer‹ – ›Alleiniger Inhaber ist der Kurs-, Aktien- und Handelsmakler Victor Walzer in Tsingtau‹.
3. [im Original] Adress-Buch des Deutschen Kiautschou-Gebiets und der Provinz Schantung für 1913-1914.
3a. [Ergänzung des Redakteurs] Im Deutschen Kaiserreich galt, dass jeder Mann bis zum 45. Lebensjahr wehrpflichtig war. Ab dem 40. Lebensjahr gehörte man zum »Landsturm zweiten Aufgebots«, und deshalb besaß auch Viktor Walzer eine Uniform. Ob er aktiv am Krieg teilnahm, wissen wir nicht. Er wurde jedenfalls mit seinen Kameraden am Tag der Kapitulation (07.11.1914) Gefangener der Japaner, konnte aber zunächst relativ unbehelligt in Tsingtau bleiben. Erst im Januar 1915 gingen die Japaner dazu über, auch diese älteren Uniformträger nach Japan zu überführen, die letzten sogar erst 1916.
4. [im Original] Referatsleiter im saarländischen Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft.
5. Anmerkung 5 im Original bezieht sich auf das auf unserer Homepage abgebildete Buch.
6. [Ergänzung des Redakteurs] An der Ausstellung maßgeblich beteiligt war unser langjähriger Korrespondent HOSHI Masayuki (Erstkontakt am 19.11.2001). Sein oben erwähntes Buch wurde 2014 von SHIMADA Nobue ins Deutsche übersetzt und in einem Berliner Verlag publiziert.
7. [Ergänzung des Redakteurs] Die Eheleute SHINODA bedankten sich bei meiner Frau und mir, indem sie uns 2005 zu einem Besuch in Japan einluden; 2014 haben wir uns dann noch einmal in Tsingtau getroffen.
© Hans-Joachim Schmidt (für diese Fassung)
Zuletzt geändert am
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